# 496: BOOK OF THE WEEK — “… dann bin ich auf den Baum geklettert!”

Rossmann, Dirk, mit Olaf Köhne und Peter Käfferlein (2018). „… dann bin ich auf den Baum geklettert: Von Aufstieg, Mut und Wandel.

Geschichte hinter der Buchauswahl

Meine wöchentliche Buchbesprechung passiert normalerweise sonntags. Darauf lege ich seit nunmehr drei Jahren höchsten Wert. Die Male, bei denen mein Post später online ging, kann man an einer Hand abzählen. Das ist ziemlich verrückt, denn es gibt keinen Grund, warum ich das tue. Und genau deshalb tue ich es weiter. Jedenfalls ist aktuell nichts „normal“. Es gibt wieder Krieg auf der Welt — besser gesagt: Kriege im Plural. Und ich selbst war bis vor wenigen Tagen ganz nah am Krisenherd Israel. Dann entschied ich mich zu gehen, was richtig war. Aber es war nicht die Zeit, um auf Biegen und Brechen ein Buch zu Ende zu lesen, nur um „pünktlich“ zu schreiben. Dafür habe ich gedichtet, und das war auch gut so.

Dieses Buch hat mich im Libanon gefunden, in der deutschen Gemeinde in Beirut. Ich wusste, dass ich es lesen und behalten wollte. Schließlich habe ich es gegen eine Spende erworben. Ein Unternehmerbuch in einer Kirchengemeinde erscheint auf den ersten Blick vielleicht etwas sonderbar. Aber wenn man in einem solchen Land schon seit vielen Jahrzehnten lebt, was für viele Frauen aus Deutschland dort der Fall ist, dann liest man wahrscheinlich nicht mit viel Berücksichtigung des Sonderbaren. Und ich bin sehr dankbar, dass dieses Buch mich dort gefunden hat.

Es braucht keine besonderen Titel oder Namen, damit ich eine Unternehmergeschichte lese — soviel sollte jedem Leser meines Blogs klar sein. Bei Rossmann hat mich trotzdem der Titel und das verschmitzte Cover-Foto in besonderer Weise neugierig gemacht. Den größten Teil des Buches habe ich auf dem Flug von Beirut über Istanbul nach Frankfurt gelesen. Es war ein großes Vergnügen. Rossmann kommt einem in diesem Buch auf eine Weise näher, die außergewöhnlich ist. Die Geschichte lädt den Leser ein, ihn wirklich aus allen Perspektiven kennen zu lernen. Er scheut sich nicht, die persönlichen Täler zu beleuchten. Er ist ehrlich in seiner Freude und seiner Traurigkeit über gewisse Zustände in der Welt, die man auch mit noch so viel Engagement und Geld nicht ändern kann.

Genau das wird uns gerade auch wieder bewusst im Nahen Osten.

Unschuldige Zivilisten sterben dort jeden Tag.

Väter tragen die Leichen ihrer Kinder aus kaputten Häusern.

Eltern flehen darum, ihre Kinder aus der Geiselhaft zu entlassen.

Die Welt schaut zu und kann nichts machen –

Ist das so?

Als Unternehmer ist man ständig am „Machen“. Das liegt einem im Blut. Schon bei den Eingangsgeschichten von Rossmann erkennt man, dass da ein Mann schreibt, der sich nicht sonderlich darum geschert hat, was andere von ihm denken. Gleichsam beschreibt er seine eigene Schüchternheit und Unsicherheit aus früheren Tagen. Diese komplexe Mischung aus Durchsetzungsfähigkeit und Zweifel trägt jeden reflektierten Menschen. Bei Rossmann jedoch spielt in besonderer Weise die Verwobenheit seiner Lebensgeschichte mit der deutschen Geschichte eine Rolle. Wir alle werden mit dem Erbe unserer Geschichte geboren. Wir alle tragen auch ein Stück weit die Wunden unserer Eltern mit uns herum.

Es ist an uns, das Beste daraus zu machen.

Rossmann ist das gelungen.

Und seine Geschichte motiviert,

ihm darin zu folgen.

Es ist nie zu spät, auf den Baum zu klettern!

  1. Psychologie
Rossmann 110

Nein, ich beginne nicht mit der Geschichte mit dem Baum und der Bundeswehr. Denn das ist eine, die soll jeder Leser am besten selbst recherchieren. Doch auch sie ist in gewisser Weise mit dem Thema Psychologie verbunden. Und das ist eine Liebe, die Rossmann in der Tiefe beschäftigt hat. Unternehmer sind, so behaupte ich, immer Psychologen. Früher war mir das nicht klar und auch den Unternehmern selbst muss dies nicht unbedingt bewusst sein. Trotzdem ist es eine wesentliche Voraussetzung für ein funktionierendes Geschäft, dass man menschliches Verhalten in der Tiefe versteht und zu einem gewissen Grad vorhersehen kann. Das betrifft nicht nur das der Kunden, sondern auch das eigene.

Rossmann schildert im Buch ausführlich seine Faszination an der Psychologie. Doch mir ist noch kein Unternehmer begegnet, der sich tatsächlich auch mit so viel Selbsterfahrung und Weiterbildung dem Thema bzw. Feld gewidmet hat. Und Ruth Cohn ist eine der Figuren, die Rossmann maßgeblich geprägt haben. Ihr Weg als Psychologin hing maßgeblich mit ihrer persönlichen Lebensgeschichte zusammen, von der Rossmann hier einen Teil schildert. Und mir ist erst an dieser Stelle so recht bewusst geworden, wie stark die Shoah, so denke ich, auch die Entwicklung von herausragenden Psycholog/innen geprägt hat. Sie alle haben durch ihre Arbeit dazu beigetragen, das größte Leid der Geschichte als Lehre zu nutzen, um das Leiden der Seelen zu heilen — soweit man das kann.

Für mich war das Lesen dieser Passage aber auch aus einem anderen Grund ein absolutes „Aha-Erlebnis“. Denn ich könnte schwören, ich hatte nur wenige Tage zuvor noch im Libanon jemanden auf einer Tagung oder im Bus von Ruth Cohn und ihrer Methode der Themenzentrierten Interaktion reden hören. Ich bin sehr sicher, dass ich zuvor noch nie etwas davon gehörte hatte, zumindest nicht bewusst, obwohl mich Psychologie ja genau an der Schnittstelle zum Thema “Arbeit” am meisten interessiert. Und nun begegnete mir diese Frau und ihre Methode so kurz darauf wieder in einem Buch, das zunächst keine Verbindung zu psychologischen Themen erwarten ließ.

Für mich ist das jetzt der Hinweis, mich in Ruth Cohn zu vertiefen und in weitere Themen der Psychologie, die ich in den vergangenen zwei Jahren eher ausgeklammert habe. Wenn mich das Theologiestudium eines gelehrt hat, dann ist es, dass Glaube nicht ohne Psychologie zu verstehen ist — sofern man „verstehen“ möchte. Damit meine ich nicht sinnloses Theorisieren. Ich meine damit das, wonach mir langt. Ich möchte das, was mir im Leben begegnet, was ich verinnerliche, der Welt zurückschenken. Und die Psychologie ist dabei das Feld, mit dem alles menschliche Handeln verwoben ist. Es klingt lustig, denn es ist so offensichtlich. Aber mich hat das Interesse an Psychologie unwissentlich zur Theologie gebracht und nun führt es mich auch wieder heraus und zu neuen Aufgaben, die ebenso mit meiner Faszination an diesem Wunder „Mensch“ verbunden sind.

2. Geld

Rossmann 166

Diese Seite ist an sich Zeugnis für das, was auf ihr geschrieben steht. :o) Rossmann liebt die Bücher genauso wie ich und unterstreicht und knickt Eselsohren ähnlich wie ich. Gerade heute Morgen habe ich jemandem geschrieben, dass ich ohne Bücher nicht mehr am Leben wäre. Daran glaube ich. Beziehungsweise muss ich daran nicht glauben, es ist einfach so. Die Bücher haben mir Welten eröffnet und Auswege gezeigt. Das hat in der Form keine Kirche und keine Therapie geschafft, das musste ich mir einfach eingestehen. Und noch berührender ist, dass Rossmann neben den Büchern auch das Reisen als wahren Luxus ansieht.

Wenn ich mich erinnere, dann bin ich genauso aufgewachsen. Wir hatten nicht viel, aber was wir hatten, ging ins Reisen. Ohne die Reisen wäre ich heute ein anderer Mensch. Und vor allen Dingen gab es beim Reisen kein Sparen. Da wurde genossen. Das habe ich mir bewahrt. Ich stecke mein Geld in Bücher und ins Reisen. Und beim Reisen darf es auch mal ein teurer Wein und ein teurer Ausflug sein. Da wird nicht gespart. Das wäre Sparen am falschen Ende. Es ist einfach bewegend, genau diese Überzeugung bei einem Menschen zu lesen, der sich finanziell gesehen wirklich alles leisten könnte. Doch wahrer Reichtum ist eben, überhaupt zu erkennen, was einen wirklich reich macht…

Die Erkenntnis, dass Reichtum dankbar machen sollte, ist ebenso wahr und weise. Allerdings habe ich das Thema Geld zu lange ignoriert. Als kleines Kind wollte ich immer Millionär werden! Heute kann ich mir vorstellen, dass das, wie auch immer, tatsächlich mal passiert. In den Jahrzehnten zwischen Kindheit und heute ist mein Drang nach Geldverdienen jedoch gehörig auf der Strecke geblieben. Und das war wichtig, wie alles im Leben wichtig war. All das hat dazu beigetragen zu verstehen, dass Geld einem Freiheit kauft — und Wohlbefinden. Und nur ein Mensch, dem es wirklich gut geht, kann wirklich etwas für andere bewegen. Damit meine ich nicht, dass er „reich“ sein muss. Aber wer sich alles vom Mund abspart und seine Gesundheit opfert, um anderen zu helfen, der hilft dem Falschen zuerst. Das hat mich das Leben, das Hungern und das Sparen gelehrt.

3. Widersprüche

Rossmann 236–37

Zu diesen wunderbaren letzten Seiten im Buch will ich gar nicht viel hinzufügen. Wer mich kennt, weiß, was sie auch über mich sagen — von der Faulheit über die Bücher bis hin zu den Widersprüchen… Ich kann nur damit enden, dass dieses Buch ein Geschenk ist und eine Einladung, seinen Weg zu “unternehmen”. Alle Schritte darin sind richtig und alle Kapitel fügen sich am Ende zu einem wunderbaren Werk zusammen. Ich werde mein Leben lang weiterlesen und –schreiben. Und ich werde, wie Rossmann, auch noch auf so manchen Baum klettern, wenn ich das Gefühl habe, dass es das braucht, um meinem Herzen zu folgen.

Reflexionsfragen

1) Wenn Du an Psychologie denkst — ist das etwas, das Du mit Krankheit oder mit Persönlichkeitsentwicklung verbindest? Teilst Du die Auffassung, dass Unternehmer auch „Psychologen“ bzw. psychologisch begabt sind?

2) Würdest Du Dich selbst als „reich“ beschreiben? Woran machst Du das fest?

3) Was bedeuten Dir Bücher?

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