# 467: BOOK OF THE WEEK — „Kleines Buch der Weisheit”

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Dalai Lama, and Matthew E. Bunson, Ed. (2003/1997). Kleines Buch der Weisheit.

Geschichte hinter der Buchauswahl

Diese Woche war mir nicht nach Lesen. Das sind die Wochen, in denen mein Hirn mit zu viel anderem beschäftigt ist. Als ich dann gestern ins Bücherregal schaute und etwas „kurzes“ lesen wollte, das mir Freude macht, war klar, dass es dieses Buch werden musste. Ich liebe den Buddhismus, da er mir auf der spirituellen Reise immer wieder viel gegeben hat. Irgendwie mache ich im Leben ja alles „rückwärts“. Dazu gehört auch, dass ich mich dem Christentum angenähert habe, nachdem ich mich mit den anderen Weltreligionen und Glaubensrichtungen beschäftigt habe. Wie auch der Dalai Lama in vielen der hier gesammelten Reden und Gebete feststellt: der Kern der Lehre von Buddhismus und Christentum ist trotz aller Unterschiede gleich.

Es geht um Liebe und Mitgefühl.

  1. Liebe
Dalai Lama 60

Vor ein paar Tagen stand wieder ein altes Pärchen vor mir auf der Rolltreppe am Bahnhof. Sie hielten sich an den Händen wie verliebte Teenies. Der Unterschied aber ist: mich rührt das Händchenhalten eines verliebten alten Paares mehr als das von Teenies. Da ist lebensbedingt eine andere Liebe am Werk. Natürlich sind das alles Mutmaßungen. Theoretisch kann sich auch das alte Pärchen gerade erst kennen gelernt haben und ein junges ist schon seit Kindertagen an verbandelt. Praktisch ist diese Theorie aber selten der Fall. Und selbst wenn sie es wäre: Ich kann nicht gegen das Gefühl an, das mir die Tränen in die Augen steigen lässt, wenn ich eine solche Szene sehe.

Offensichtlich behandelt der Dalai Lama wie alle spirituellen Lehrer die Liebe viel allumfassender. Es geht um die Liebe zu allem und allen, ja, sogar zu jedem Moment im Leben. Wer einmal richtig krank war und nicht wusste, ob er den nächsten Moment noch erleben würde, der weiß, wie das ist, den Moment zu LIEBEN — das ganze Leben zu LIEBEN. Liebe ist von Dankbarkeit getragen. Und diese Dankbarkeit möchte man weitertragen in die Welt. Und damit einher geht auch das Mitgefühl für jene, denen es nicht gut geht. Oder denen es gut geht, die aber verachtet oder gering geschätzt werden.

Mir geht es immer so wenn ich Tiere beobachte — einfach mit ihnen BIN. Tiere können Dinge, von denen wir Menschen nur träumen. Sie haben so scharfe Sinne, mit denen sie Dinge wahrnehmen, die uns entgehen. Und sie haben eine Intuition, die uns einfach nur ein Vorbild sein kann. Immer wenn ich das sehe, dann spüre ich diese unglaubliche Dankbarkeit dem Leben gegenüber. Das ist es, was man im biblischen Kontext Schöpfung nennt. Man steht einfach nur mit staunendem Mund vor all diesen Geschöpfen und fragt sich, wie meisterhaft das alles gestaltet ist.

Die Wärme, die sich dabei ausbreitet, ist Liebe.

Das Handeln, das sich daraus ergibt,

geschieht durch Mitgefühl.

2. Menschlichkeit

Dalai Lama 78

Jüngst überflog ich den Lebenslauf einer spirituellen Autorin und las darin, dass sie schon in frühester Kindheit durch Reisen auf die Gleichheit aller Menschen stieß. Mir wurde da bewusst, dass das auch auf mich zutrifft. Ich wollte immer das „richtige Leben kennen lernen“, wenn ich in die Welt flog. Und das tat ich auch. Und genau diese tiefe Erkenntnis, dass Menschen überall auf der Welt gleich sind — Menschen eben — das ist alles andere als trivial. Ich denke, es ist die wichtigste Erkenntnis, die man seinen Kindern mitgeben kann, möglichst früh. Denn wenn das geschieht, dann sieht die ganze Welt anders aus, dann sieht man sich selbst anders. Und dann gibt es keine verschlossenen Herzen vor Andersartigkeit. Denn nur die Angst lässt uns ausgrenzen und verachten. Und wer erkannt hat, dass der Andere das Ich und das Ich im Anderen ist — der braucht keine Angst mehr zu haben, der kann lieben und sei es in noch so unerwarteten und unverständlichen Situationen und Konstellationen.

3. Starkes Ich

Dalai Lama 83–84

Das Thema „Ego“ ist leider gar nicht so trivial, wie man glauben möge. Ja, wir alle kennen den Spruch: „Der/die hat zu viel Ego.“ Irgendwann finden wir raus, dass wir selbst auch viel Ego haben. Das muss nicht immer in Situationen sein, wo wir uns vielleicht überheblich benehmen. Oder in Situationen, wo wir uns daneben benehmen. Es kann auch in Momenten sein, in denen wir uns ängstigen oder schämen. All das ist auch Ego — es geht uns darum, dass wir als Person vielleicht schlecht wegkommen — unser “Image” leidet. Das kann dann in übertrieben selbstbewusstem Auftreten in der anderen Richtung ausarten. In jedem Fall geht es in all diesen Fällen darum, dass wir nicht ganz „wir selbst sind“, dass wir eine Rolle spielen, nicht authentisch sind.

Doch das starke „Ich-Gefühl“, dass der Dalai Lama hier anspricht, ist etwas anderes. Hier geht es nicht ums Ego. Aber hier geht es schon um Stärke im Auftreten, das aus der Mitte des Seins herauskommt. Es geht um das Wissen, wer man ist und was man kann. Es geht um die Liebe zu sich selbst und im wahrsten Sinne des Wortes das Selbstbewusstsein. Nur wenn man sich seiner selbst bewusst ist und sich annimmt, kann man diese Stärke vollends ausstrahlen. Da muss nichts gesagt werden. Das ist einfach da, sofern man sich gefunden hat. Das wiederum ist meist nicht so „einfach“. Das muss nicht heißen, dass man ohne dieses Bewusstsein nichts auf die Reihe bekommt.

Aber die großen Aufgaben,

für die man auf der Welt ist.

Die kann man nur ganz mit sich

und mit vollem Herzen

überhaupt angehen

und bewältigen.

Am Ende muss man da allein durch.

Doch man findet Menschen auf dem Weg,

die einem die Richtung zeigen

und für einen da sind.

Manchmal sind es die,

die man lange gar nicht bemerkt hat.

Sie sind still und bescheiden

Prahlen nicht und

Drängen sich nicht auf.

Sie strahlen aber das aus,

was der Dalei Lama

das wahre Ziel des Lebens nennt:

Glück durch

Liebe und Mitgefühl.

Reflexionsfragen

1) Gab es jemals einen Moment in Deinem Leben, in dem Du so berührt von und dankbar für etwas ganz „Einfaches“ in der Schöpfung warst, dass Du geweint hast (z.B. ein Tier, eine Blume, ein Naturereignis, der Anblick von etwas…)?

2) Welche Menschen sind Dir besonders fremd? Was genau könnten Sie trotz aller Fremdheit mit Dir gemeinsam haben?

3) Was sind Dinge, die Du eigentlich nur tust, um „nicht blöd da zu stehen“ vor anderen? Was würde passieren, wenn Du damit aufhörtest (nimm Dir ein konkretes Beispiel vor Augen und gehe das Szenario Schritt für Schritt durch).

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