# 403: BOOK OF THE WEEK — “Ein ganzes Leben”

Seethaler, Robert (2016). Ein ganzes Leben.

Geschichte hinter der Buchauswahl

Dieses Buch war eine Empfehlung, und zwar eine wunderbare. Dabei ist das Buch alles andere als wunderbar, jedenfalls nach „konventionellen“ Maßstäben. Aber um Konventionen schere ich mich so gut wie gar nicht mehr. Seethalers Buch beinhaltet, was es verspricht: “Das ganze Leben” eines Mannes, der das Leben nimmt, wie es eben ist — tragisch wunderbar. Die Betonung liegt hier nicht auf den Adjektiven, sondern auf dem Verb. Es „ist“ — das Leben passiert uns jeden Tag und in jedem Augenblick. Daran können wir nichts ändern. Wir können planen und träumen und allerhand Berechnungen anstellen, wie es vielleicht verlaufen wird. Das sind alles Seelentröstungen, die uns im guten Glauben lassen sollen, dass wir etwas unter Kontrolle haben.

In Wahrheit wissen wir, dass wir rein gar nichts mit unserem Leben machen können.

Das Leben macht etwas mit uns,

und zwar einiges.

Es ist an uns, uns darauf einzulassen.

Das macht der Protagonist Andreas Egger von Anfang bis Ende.

Wenn wir das Buch von hinten aufrollen, dann sagt folgender Satz schon alles aus über diesen vielfach gebrochenen und dadurch ganz und gar starken Mann:

„Er hatte ein Haus gebaut, hatte in unzähligen Betten, in Ställen, auf Laderampen und ein paar Nächte sogar einer russischen Holzkiste geschlafen. Er hatte geliebt. Und er hatte eine Ahnung davon bekommen, wohin die Liebe führen konnte. Er hatte gesehen, wie ein paar Männer auf dem Mond herumspazierten. Er war nie in die Verlegenheit gekommen, an Gott zu glauben, und der Tod machte ihm keine Angst. Er konnte sich nicht erinnern, wo er hergekommen war, und letztendlich wusste er nicht, wohin er gehen würde. Doch auf die Zeit dazwischen, auf sein Leben, konnte er ohne Bedauern zurückblicken, mit einem abgerissenen Lachen und einem einzigen großen Staunen.“ (Seethaler 176)

Wahrscheinlich habe ich diesem Beitrag heute nun schon die Pointe genommen. Aber so ist das eben. Man kann die Dinge auch kurz sagen. Und was man aus diesem Buch lernen kann, ist das, lieber Leser, was jetzt in Deinem Kopf passiert, nachdem Du diesen Abschnitt gelesen hast. Wenn es Dir auch so geht wie Egger, dann brauchst Du nichts mehr zu tun als das Leben so zu nehmen, wie es zu Dir kommt. Du brauchst nicht zu vergleichen oder zu wollen, denn was immer kommt, wird Dir am Ende Freude machen — eine stille Freude. Das jedenfalls lehrt mich Egger. Und Seethaler ist damit ein weiteres Meisterwerk gelungen, das man durchaus als Geschenk bezeichnen kann. Mir jedenfalls hat jede einzelne Seite etwas gegeben. Und ein paar Passagen davon teile ich trotzdem noch, auch wenn ich damit Gefahr laufe, das Schöne am Nichtssagen zu zerschreiben.

Seethaler 42

Zuletzt bin ich endlich wieder geflogen. Das Fliegen ist ein Wunder der Menschheits- und Technikgeschichte. Immer wieder staune ich darüber. Und immer wieder kann man beim Fliegen erleben, wie unbedeutend einzelne kleine Menschlein sind; wie sie da unten in ihren Autochen auf langen Highways umherkurven und sich allerlei hektischem Treiben hingeben. Dass aber Egger diesen Satz oben äußert, klingt zunächst verwirrend. Bis auf einen Kriegseinsatz und Gefangenschaft in Russland, kommt Egger sein Leben lang nicht aus “seinem” Dorf heraus — wo ihn das Leben als Waise einmal aussetzte. Nur einmal, am Ende seines Lebens, überkommt ihn plötzlich dieser Impuls der Dorfflucht, der sich aber wenige Kilometer Busfahrt später wieder in Luft auflöst.

Das Paradoxe aber ist, dass es nicht verwundert, dass ein „Dorfmensch“ diesen weisen Satz vom Blick über den eigenen Tellerrand äußert. Denn genau er hat die Weisheit, die dem vermeintlich kosmopolitischen Stadtmenschen fehlt. Letzter düst durch die Welt, um reich an Bildern und Wissen im Kopf zurück zu kehren, aber innerlich bleibt er oft dumm von Einsicht. Dann treibt es ihn irgendwann wieder auf den Bauernhof und in die Natur, um sich „selbst zu finden“, wie man heute sagt. Ich denke, Menschen wie Egger haben das schon immer besser verstanden, was es heißt, auf und in dieser Welt zu sein. Nur schreiben sie darüber keine langen Bücher und erkaufen sich keine Doktortitel damit. Warum auch?

Der Blick über das eigene begrenzte Fleckchen Erde braucht Freiheit im Geiste — nicht mehr, aber auch nicht weniger.

2. Maul auf, Ohren zu

Seethaler 141

Ist es nicht ganz und gar faszinierend, wie viel in dieser Welt geredet wird? Man muss nur einmal Bus oder Bahn fahren, um zu hören, worüber sich die Leute unterhalten. Das ist sozial absolut wichtig. Wir Menschen brauchen das. Alles ist Kommunikation zwischen Lebewesen. Trotzdem ist es verwunderlich, wie wenig die Menschen einander zuhören — wirklich nur hören. Dasitzen und hören. Man nennt das im Coachingsprech „aktives Zuhören“. Der Begriff ist so bullshitty wie aller Theorie-Talk, der aus der praktischen Erfahrung eine vermeintliche Wissenschaft macht. Denn letztlich ist die Sache ganz einfach. In dem Moment, wo ich wirklich zuhöre, denke ich nicht gleichzeitig über das Zuhören nach. Letzteres gelingt heute wahrscheinlich nur noch jenen, die sich von der Welt verabschieden und in einer Hütte in den Bergen leben.

Egger macht es vor, wie Leben geht.

3. Träume

Seethaler 169

„Wie alle Menschen…“ steht hier geschrieben. Das ist eine unabänderliche Tatsache, derer wir uns nicht entziehen können. Egal, wie besonders oder ausgegrenzt wir uns fühlen, auf diese banale Erkenntnis werden wir immer wieder zurückgeworfen. Damit geht auch einher, dass wir uns das Wollen irgendwie nicht abgewöhnen können — sogar Egger nicht. Das ist eine überraschende Selbstoffenbarung, die im Buch ziemlich ohne Vorwarnung kommt. Denn so viel Einblick in die Wünschenswelt von Egger erhält man als Leser nicht. Insofern macht uns das den Protagonisten ungleich sympathischer, auch wenn sicherlich viele Schwierigkeiten haben, sich mit ihm geistig zu verbinden. Womit sich einige sicher verbinden, sind die Rück- und Schicksalsschläge, die er erleidet.

„Fuckups“ nennt man das Neudeutsch.

“Leben” nennt man das in der alten Welt.

“Glück” nennen es andere, die alles hinter sich gelassen haben.

Ich glaube nicht, dass man nach der Lektüre noch einen weiteren Lebensratgeber zu kaufen braucht. Egger zeigt, wie man sich Wünsche erfüllen kann, von denen man nie wollte, dass man sie hat. Und in manchen Fällen wird man dafür bestraft, dass man sie sich erfüllt hat. Denn nur, was man hat, kann man auch verlieren. In Wahrheit verlieren wir alle jeden Tag etwas — und zwar den Glauben daran, dass man das Leben ändern kann. Der Gewinn dabei ist, dass wir uns frei fühlen von den Dingen, die uns vermeintlich wichtig sind. Für Egger ist besonders wichtig, dass er seine Ruhe hat und ein Dach über dem Kopf. Für andere ist wichtig, dass sie den freien Himmel über sich sehen. Was auch immer es ist. Solange Menschen noch Bücher schreiben wie Ein ganzes Leben brauche ich mir nicht mehr zu wünschen.

Danke an RRS für den Buchtipp.

Reflexionsfragen

1) Welche Erwartungen/Assoziationen hast Du, wenn Du ein Buch mit dem Titel „Ein ganzes Leben“ siehst?

2) Wie denkst Du über „Dorfbewohner“ — kennen sie „das Leben“ vielleicht besser und tiefer als jene, die ständig um die Welt jetten?

3) Welche Träume hast Du Dir bereits erfüllt, die Dir niemand mehr nehmen kann?

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Founder & CEO of Companypoets

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