# 400: BOOK OF THE WEEK — “Der Fremde”

Camus, Albert (2006/1942). Der Fremde.

Geschichte hinter der Buchauswahl

Dieses Buch ist schockierend — schockierend erleuchtend. Ich weiß nicht, warum ich es noch nie zuvor gelesen habe. Es ist eines der „besten“ Bücher, das jemals geschrieben wurde. Es ist auch egal, warum ich es nie zuvor gelesen habe. Vielleicht hatte ich Angst. Wahrscheinlich hatte ich Angst. Sicher habe ich immer und immer wieder über das Buch gelesen und mich dann nicht getraut, es anzufassen. Heute war das anders. Es ist Muttertag. Und der erste Satz im Buch ist: „Heute ist Mama gestorben.“ Ist das jetzt das ultimative Muttertags „No Go“?

Es ist mir egal.

Überhaupt ist dem Protagonisten im Buch fast alles egal — so scheint es jedenfalls. Wer nur den Hauch einer Ahnung zu Camus und dem Existenzialismus hat, weiß, wieviel in dieser Aussage steckt. Das Wort „egal“ taucht in der deutschen Übersetzung mit Sicherheit dutzende Male auf. Ich behaupte damit nicht, dass ich etwas über Existenzialismus oder Philosophie weiß. Ich weiß nur etwas über den Menschen. Und ich weiß, dass sich das Menschsein in der Literatur widerspiegelt. Das ist so fundamental, dass es einen zu Tränen rührt.

Besonders aus meinem Mund.

Die Literatur eröffnet Welten — nach innen und nach außen. Deshalb werde ich immer von ihr abhängig sein. Ja, diese Abhängigkeit ist eine Sucht. Man sucht den Menschen in der Literatur, das Menschsein in all seinen Facetten. Und nein, dafür muss man nicht Theologe werden — man kann es aber. Wenn man sich mit den „letzten Fragen“ des Lebens beschäftigt, dann ist die Literatur das Feld, in dem man Antworten findet. Es sind keine Antworten in den Zeilen, die Antworten stecken dahinter. Sie sind unsichtbar. Sie können mit dem Geist durchdrungen werden.

Wenn man sich darauf einlässt.

Die universitäre Ausbildung heute schafft es kaum noch, die Menschen zu berühren, und zwar in der Tiefe. Die Literaturwissenschaft hat dieses Potenzial. Sie verspielt es aber, genauso wie ihre Lehrer mit sich spielen lassen. Würden sie die Literatur als wirkliche Nahrung begreifen, dann könnten sie sie anders vermitteln — wider alle Bürokratie. Dafür aber muss man mehr tun als lesen. Man muss dem Leben begegnen, in all seinem Dreck und Sumpf, in allen Abgründen. Die muss man erfahren, diese Abgründe. Man muss ihnen begegnen — nicht nur im eigenen Leben, das man schön geheim für sich behalten kann. Man muss es erspüren im Leben der anderen. Die Tränen und der Schmerz müssen einem begegnen. Man muss das zulassen. Man muss es wollen, und zwar so, dass es einen wieder zum Menschen macht.

Einem Menschen, der sich zu erkennen gibt in all seiner Unzulänglichkeit.

  1. Schuld
Camus 27

Dieser Satz ist nicht nur für Christen gültig. Im Gegenteil, gerade Christen sollten sich mal fragen, was dieser Satz abseits ihres einstudierten Bibelwissens bedeutet. Wer wirklich erkennt, dass er quasi unumgänglich Schuld auf sich lädt, wird niemals wieder so durch die Welt gehen wie zuvor. Ich sage nicht, dass das angenehm ist. Es ist auch mit Sicherheit nicht gut fürs Selbstbewusstsein. Ich sage auch nicht, dass sich irgendwer bekehren soll. Ich sage nur, dass es wahr ist. Und die Frage der Schuld spielt in diesem Buch eine solch erschütternde Rolle, dass man sie nicht umgehen kann.

2. Leben

Camus 52

Diese Passage ist „vor dem Fall“ — vor dem Ereignis, das die gesamte Geschichte zu etwas Unvergesslichem macht. Der Protagonist bekommt hier eine „Chance“, wie man heute sagen würde. Sie interessiert ihn nicht. Wahrlich, sie ist ihm egal. Aber er sagt auch, dass ihm nicht immer alles egal war, zumindest nicht bezüglich seiner Ambitionen. Dann kam ein Bruch und dann die Erkenntnis, dass all das ohne Belang sei. Der Grund, warum ich diese Passage so unbegreifbar schön find, ist, weil er die Wahrheit ausdrückt. Wir können unser Leben ständig verändern aber die Tiefe des Lebens bleibt unveränderbar.

Wir werden geboren. Wir leben. Wir sterben.

Dazwischen suchen wir nach einem Sinn.

Die Liebe ist das Wort, das wir dafür verwenden.

3. Glück

Camus 143

Dies ist der letzte Absatz im Buch. Er hat mich vollends verstummen lassen. Stumm zu sein ist ein gutes Zeichen. Wir Menschen reden ohnehin zu viel. Die Stille ist es, die zeigt, dass wir gewachsen sind. Wenn wir die Gleichgültigkeit der Welt erkennen, sind wir ein ganzes Stück weiter auf unserem Weg. Und dann stellt sich Glück ein. Das kann kein Pater mit Gott im Handgepäck bringen. Das kann auch keine Bibel. Das kann nur der Mensch selbst. Er kann alles loslassen, so wie der Protagonist kurz vor seinem Ende. Schöner ist es aber, wenn wir das schon vorher lernen. Das kann man schwer planen, aber es ist doch möglich. Ich behaupte, die Literatur hilft uns dabei. Sie zerschlägt alle Hoffnung, dass das Leben sinnvoll ist. Und genau da wartet die Befreiung, um die es geht.

Dieses Buch wird mich begleiten, wo auch immer hin…

Reflexionsfragen

1) Hast Du andere Bücher von Camus gelesen? Welche?

2) Stell Dir vor, Du säßest in der Todeszelle in einem Gefängnis. Würdest Du den Geistlichen empfangen? Warum/nicht?

3) Hattest Du jemals Momente im Leben, in denen Du (erst) rückblickend erkannt hast, dass Du glücklich gewesen warst?

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