# 386: BOOK OF THE WEEK — “Mathematik und Gott und die Welt”

Herrmann, Norbert (2014). Mathematik und Gott und die Welt. 2. Auflage.

Geschichte hinter der Buchauswahl

Da hat man die Welt sein halbes Leben studiert und endet mit Gott. Und dann bringt einen das zur Mathematik. So der so ähnlich kann man Lebensreisen beschreiben. Ist es meine? Die Antwort steckt vielleicht in der Mathematik. Vielleicht haben die kleinen grauen Zellen im Kopf ihre eigene Gleichung und bahnen sich ihren Weg so, dass man da herauskommt, wo man nie hinwollte mit dem Denken. Wichtig ist nur, dass man überhaupt denkt und das Lernen nicht verliert. Das ist es wohl, was ich schon so oft verflucht habe. Aber Fluchen hilft nichts. Man kann erst etwas aus all dem Hirnschmalz machen, sobald man das angenommen hat, was eben ist.

Was genau “so ist” zwischen Himmel und Erde, das beschreiben Mathematiker mit Formeln und Gleichungen. Und Physiker nutzen die Mathematik, um die Welt zu vermessen und zu begreifen. Diese Welt der Naturwissenschaften bleibt für viele für immer ein Rätsel. Auch Physiker und Mathematiker können viele Rätsel nie lösen. Aber zumindest treibt es sie an, überhaupt Rätsel der Welt zu untersuchen. Und das ist das Faszinierende, was ich lange nicht gesehen habe: Für sie ist alles ein Wunder und deshalb wollen sie es verstehen. Damit geht das Wunder nicht verloren, aber man kann es zumindest besser begreifen und daraus Dinge ableiten, die vielleicht hilfreich für uns sind.

Dieses Buch ist eine hilfreiche Lektüre, weil es einen einfachen Einstieg in die Hirnwelt von Mathematikern gibt. Und es zeigt auch viele Geschichten von Menschen, ohne die Menschheitsgeschichte nicht so weit wäre, wie sie heute ist. Natürlich ist das wertend und wir wissen nicht, was sonst gewesen wäre ohne die Diltheys, Goethes, Feynmans dieser Welt. Aber die Schönheit der Mathematik ist offensichtlich nicht vergänglich. Sie überlebt die Zeiten und Veränderungen der Welt und der Bildung. Vielleicht ist das alles deshalb so interessant für mich: Ich schaue verstärkt nach den Unveränderlichkeiten und den Konstanten in der Welt. Wahrscheinlich sind auch diese beiden Begriffe mathematisch absolut fehl am Platze. Trotzdem beschreiben sie ganz gut, warum dieses Buch auch Spaß macht.

  1. Antoni Gaudi
Herrmann 41

Wer jemals nach Barcelona kommt, wir diesem Namen begegnen. Antoni Gaudi war der Architekt, der diese Stadt und einige weitere geprägt hat. Ich habe mich als Kind sehr wenig für Kunst und Kultur interessiert. Aber an den Namen kann ich mich erinnern, denn dieses Bauwerk, die Sagrada Familia, hat mich so beeindruckt. Ich war zum ersten Mal in Barcelona und da stand diese Kirche. Ich weiß auch, dass ich drin war. Was ich nicht mehr weiß, ist, ob wir uns dieses magische Quadrat angeschaut haben. Was aber auch nichts macht. Denn offensichtlich war Gaudi nicht nur ein Liebhaber des Schönen, sondern auch des Logischen. Und, dass so ein Mann wirklich mal erfolgreich und berühmt werden würde, das war alles andere als garantiert, wie das Zitat des Direktors oben beschreibt.

Die Sache mit der Mathematik und der Kunst oder dem Schönen, wenn wir es so nennen wollen, ist etwas, das ich irgendwie nachvollziehen, ja sogar nachempfinden, kann. Ich hatte zwar nie so viel für Mathe übrig, aber wenn sich eine Gleichung schön lösen und in eine einfache Form bringen ließ, dann war das schön — angenehmen, irgendwie sogar ästhetisch. Hat das nicht geklappt, war es nervig. Dieses Gefühl habe ich durchaus irgendwo in mir abgespeichert und wahrscheinlich bestimmt es noch heute, was ich als schön im künstlerischen Sinne bewerte. Aber ob das nun genau das ist, was „richtige“ Mathematiker als schön empfinden, kann ich natürlich nicht sagen.

2. Rechnen

Herrmann 85

Es gibt so viele Missverständnisse über die Dinge, die Menschen tun, wobei eigentlich jeder denkt, er weiß was das ist. Das ist wahrscheinlich bei jedem Beruf und jeder Aktivität so. Nur wer es macht, weiß, was es wirklich ist. Bei Mathematikern ist die Sache aber extra kompliziert, weil offensichtlich jeder mal Mathe in der Schule hatte und sich daher einbildet, er wüsste, was Mathe ist. Dabei wissen einige sehr wohl, dass sie in Mathe nicht nur gerechnet haben. Der Unterschied ist nur, dass das Rechnen oder Nicht-Rechnen nicht allen gleich viel Spaß gemacht hat, was eben dazu führt, dass nicht alle Mathematiker wurden/werden.

Die Geschichte oben jedenfalls zeigt, wie locker und amüsant ein Mathematiker über sich und die Welt scherzen kann. Und das ist etwas, das ich bei so manchem Naturwissenschaftler kennen lernen durfte. Damit meine ich nicht, dass Naturwissenschaftler lustiger sind als andere Wissenschaftler oder Berufsgruppen. Ich meine eben nur, dass sie nicht unbedingt unlustiger sind, was ja manchmal suggeriert wird. Im Gegenteil, ich denke, dass gerade jene, die den Naturgesetzen auf der Spur sind, auch viel von Clowns haben: Clown geht nur mit Verzweiflung und Traurigkeit. Davon erleben auch Mathematiker sicher oft etwas. Aber es lohnt sich eben doch, wenn man den großen Fragen der Menschheit nachspürt.

3. Naturgesetze

Herrmann 132

Das ist genau der Schnittpunkt, an dem Naturwissenschaft und Theologie sich wieder trifft. Es ist die Frage nach dem „wer“? Die kann niemand beantworten und ein bisschen wünsche ich mir, dass niemand darauf je eine Antwort findet. Sonst haben selbst Mathematiker keine Rätsel mehr. Es reicht doch, dass wir dem großen Geheimnis — der Weltformel — alle etwas andere Namen geben. Die einen sagen Gott, die anderen Buddha und wieder andere sagen Schicksal oder Zufall dazu. Mit Namen sind Mathematiker sehr präzise, aber nur, wenn sie wissen, was sie eigentlich beschreiben wollen. Bei den Naturgesetzen wissen wir nur, dass sie da sind und unser Leben wunderbar reichhaltig machen. Das allein zu sehen und zu schätzen und darüber zu staunen — das verbindet uns, ob wir nun Zahlen oder Gott erforschen.

Reflexionsfragen

1) Wo ist Dir Mathematik in der Kunst jemals begegnet?

2) Welche Rolle spielen für Dich die Naturgesetze im Alltag oder im Beruf?

3) Inwiefern können Mathe und Gott aus Deiner Sicht etwas miteinander zu tun haben?

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