# 384: BOOK OF THE WEEK — “So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein”

Schlingensief, Christoph (2009). So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein! Tagebuch einer Krebserkrankung

Geschichte hinter der Buchauswahl

Dieses Buch hat mich heute gefunden. Eigentlich wollte ich etwas ganz anderes lesen. Und dann war da ein Literaturgottesdienst und Schlingensiefs Buch. Nach der Lesung der vielen wunderbaren Passagen aus dem Buch kann ich heute über kein anderes Buch mehr schreiben. Es geht einfach nicht. Natürlich habe ich noch nicht das ganze Buch gelesen, aber dafür möchte ich mir Zeit nehmen, zumindest in Ruhe ein paar Stunden ohne „Blogging-Pressure“. Es wurden viele Passagen vorgelesen, die ich fast alle hätte aufgreifen können. Ich belasse es bei den üblichen dreien.

Ich muss dazusagen, dass ein Tagebuch über eine Krebserkrankung vielleicht das Letzte ist, was Leute an einem grauen Wintersonntag lesen wollen. Aber darum geht es glücklicherweise nicht. Letztlich ist mein Schreiben weiter eine Suche nach meinen Lesern. Und das Gute daran ist, dass ich mich um die Wünsche nicht-vorhandener Leser ohnehin nicht zu scheren zu brauche. Auch das würde Schlingensief wahrscheinlich unterschreiben, sofern man seinen Gedanken am Lebensende folgt. Ich wünschte nur, jeder würde sein Buch lesen — noch lange vor dem eigenen Ende. Aber “Lebbe ist eben kein Wunschkonzert”...

Ich muss gestehen, dass ich über Schlingensief noch nicht viel mehr weiß als das, was man als allgemeiner Fernseh- und Zeitschriftenrezipient so weiß. Auch bin ich bekanntermaßen kein großer Kulturgeist, zumindest nicht im konventionellen Sinne — was auch immer das meint. Soll heißen, Opern und Theater sind eher nicht so mein Spezialgebiet. Die Bücher dahinter wahrscheinlich schon eher. Jedenfalls kann ich hier und jetzt gerade nicht sagen, wie grandios ich Schlingensiefs Werke finde. Darum geht es auch gar nicht. Überhaupt geht es nicht ums Werten. Es geht ums Machen — und zwar von den Dingen, die einem Sinn geben.

Mir hat dieser Lektürevormittag heute so viel gegeben, weil es eben immer um den Sinn geht — im Leben und im Sterben — auch und gerade bei Schlingensief.

  1. Kirchliches Brimborium

Schlingensiefs Leidensweg ist (auch) ein Glaubensweg. Es ist faszinierend, seine Auseinandersetzung mit dem Glauben und der Kirche nachempfinden zu dürfen. Und beides hat eben nur wenig miteinander zu tun — zumindest für ihn. Für mich auch. Ich kann mich mit Institutionen generell schwer anfreunden, da sie die Freiheit des Einzelnen leider zu häufig zu ihrem eigenen Nachteil beschränken oder gar verkrüppeln, um es mal mit einem starken Wort auszudrücken. Mit der Kirche ist dieses Problem am schlimmsten. Schlingensief beschreibt dies klar und zeichnet trotzdem wunderbar nach, wie er „zurückfindet“ — zu Jesus und dem Glauben.

„Sondern ich will mehr wissen über Jesus, mehr wissen über den Gedanken Gottes und über das Prinzip Leben, zu dem auch das Sterben gehört, das Sterben, zu dem auch das Leben gehört.“

Wollen wir das nicht alle irgendwie?

Und wem gelingt es?

Ist Gelingen überhaupt ein angemessenes Wort?

Tut es nicht schon der Versuch allein –

der Versuch, zu leben?

2. Leidwesen

Das mit dem Leidwesen und Jesus ist so eine Sache. Sie beschäftigt Schlingensief sehr. Zurecht, finde ich. Ich kann das mit dem Leiden Jesu auch nicht verstehen. Nicht das Leiden selbst, wenn man es denn historisch als gegeben annimmt. Es ist nur einer Art narratologischem Bias zum Opfer gefallen, den der Mensch so hat. Menschen lieben eben Dramen mehr als Comedy, wie es scheint. Die ganze Story um Jesus dreht sich um das Kreuz. Wie Schlingensief es hier klar formuliert, geht es hier um drei Stunden leiden versus ein ganzes Leben lang zu leiden in manch anderem Fall. Natürlich soll man Leid nicht aufwiegen.

Wir tun es trotzdem permanent.

Es geht aber nicht nur um die eigentliche Dauer des Sterbens bei Jesus. Es geht um die Tatsache, dass sich alle Christlichen Konfessionen daran aufhängen (fast hätte ich „aufgeilen“ geschrieben). Das beschreibt Schlingensief in diesem Abschnitt ganz klar und sieht dies mit Sicherheit auch aus Sicht eines Dramaturgen, der sich aber eine andere Erzählweise der Geschichte wünscht. Ich kenne viele, die das abschreckt — mich selbst inkludiert. Man kann dann immer entgegnen, dass nur Leute, die die Bibel nicht kennen, nur an Leid und Tod denken, wenn sie Jesus sehen. Das mag schon sein. Trotzdem ist es eine ungeschickte Sache.

Mich hat es bis heute gebraucht, Christlichen Glauben mit positiven Dingen und Bildern zu verbinden. Das wird einem alles andere als leicht gemacht. In fast jeder Kirche, in die man tritt, hängt ein nackter, teils mit dunkelrotem Blut überströmter Korpus am Kreuz, oft 10 m oder größer lang bzw. hoch. Da fragt man sich schon, wie man nach einem solchen ersten Eindruck noch irgendwelche Glücksgefühle bzgl. des Glaubens entwickeln kann. Und für Kinder muss dies erst recht traumatisch sein.

Irgendwie bin ich mittlerweile ganz froh darüber, dass ich damit als Kind nichts zu tun hatte.

Was ich an Schlingensief besonders faszinierend finde, ist seine überkonfessionelle und ebenfalls analytische Herangehensweise. Er spricht hier von Gott als „Prinzip“, das „alles miteinander verbindet“, auch die anderen Religionen. Genauso würde ich es auch sehen. Aber wenn man das sagt, gerade unter Kirchenleuten, dann erntet man richtig böse Blicke. Einige wirken sogar verstört, da das völlig ihr eigenes und das schriftlich vermittelte Glaubensbild zertrümmert.

Gott sei Dank, ist einem das völlig wurscht, wenn es dem Sterben zugeht, so jedenfalls mein Eindruck von Schlingensiefs Buch.

Und das macht es so hoffnungsfroh und erfrischend.

Schlingensief will ja nicht ohne Jesus und Maria leben.

Er will überhaupt weiterleben und etwas tun.

3. Freiheit im Gestalten

Diese letzten Passagen haben mich maßlos bewegt. Es gibt nichts, was mich seit Jahren so sehr antreibt wie die Frage, wo ich meine Talente so einsetzen kann, dass sie den Menschen, der Menschheit, am meisten helfen. Die Antwort von einigen Schlaubergern ist dann immer, dass diese Frage an sich zu nichts führt, man einfach nur machen müsse und die Welt eh nicht retten könne, weshalb man es gar nicht erst versuchen solle. Das ist alles schön und gut, nur geht die Frage und das Suchen eben nicht weg. Ich habe es mir nicht ausgesucht und mache durchaus noch andere Dinge am Tag, als um mich selbst und meine Sinnfragen zu kreisen. Aber die Frage nach dem „richtigen Gebiet“ des Arbeitens, das Schlingensief hier nennt, ist eben immer da. Das muss auch angenommen werden.

Ich frage mich täglich, was ich tun würde, wäre ich an Schlingensiefs Stelle.

Nein, der Gedanke macht mich nicht depressiv. Im Gegenteil, er befreit mich immer dann, wenn ich Gefahr laufe, mich in unwichtigen Ego-Dingen zu verstricken. Und genau deshalb ist es so „beruhigend“ zu wissen, dass sich selbst ein Sterbender, dazu noch ein Künstler wie Schlingensief, diese Frage stellt. Es scheint dann ja nicht so ego-getrieben trivial zu sein, wie ich es mir manchmal selbst glauben machen möchte. Ja, ich teile den Gedanken, dass die kreative Arbeit das größte Geschenk ist. Und vor allem teile ich Schlingensiefs Wertschätzung der Fülle, die er beschreibt. Ich bin kein Schlingensief, aber das, was aus meinen Fingern auf die Tasten kullert oder sich in sonstigen Worten äußert, das ist ein wahrlicher Fluss, der Lebendigkeit bedeutet und hoffentlich nie abreist.

Doch am Ende steht die Frage, ob nicht irgendein „Filmquatsch“ dabei herausgekommen ist.

Diese letzte Beschäftigung mit den Talenten und dem „richtigen“ Arbeitsgebiet ist deshalb in doppelter Hinsicht spannend und bewegend für mich, da ein Teil der Antwort im Werk steckt. Nicht nur im künstlerischen Gesamtwerk, das Schlingensief hinterlassen hat, sondern auch in diesem Buch. Ist es nicht ganz und gar bezeichnet, dass ein kreativer Geist den Menschen sogar seinen Tod als Geschichte schenkt — als eine, die das Leben zelebriert und das, was jeder von uns tagtäglich tun kann, um es uns hier auf Erden schöner zu machen als im Himmel? Ja, dass wir überhaupt etwas machen, da wir es sind, die gestalten können — die Unglück und Leid schaffen aber eben auch abschaffen können?

Mit diesen Gedanken zur sinnvollen Tätigkeit möchte ich mit Worten von Schlingensief enden, die alles — die Freiheit und das Leben, die Sinnhaftigkeit und das Schaffen — auf den Punkt bringen, wie es dieses Buch durchweg vermag:

„Am liebsten würde ich einfach allen, allen Menschen zurufen, wie toll es ist, auf der Erde zu sein. Was einem da genommen wird, wenn man gehen muss. Ich wünsche mir so sehr, dass die Leute begreifen, wie sehr es sich lohnt, sich um diese Erde zu kümmern. Diese Pessimisten mit ihrem >>Asche zu Asche, Staub zu Staub>> können einem doch gestohlen bleiben. Nein, diese Erde ist bis jetzt der einzige freie Ort im Universum, in dem man gestalten und auch glücklich werden kann. Wenn die Menschheit verstehen würde, dass man gestalten kann, dass man anpacken kann, dass man Frieden schaffen kann, dass dieser Hass nichts bringt — dann wäre das hier eine Sensation, das Tollste, was man sich überhaupt vorstellen kann. Auch Probleme sind wichtig, klar. Aber sie zu lösen, ist eben die Freiheit, die man hat. Natürlich gibt’s Menschen, die nichts lösen können, weil ihnen alle Macht und Freiheit genommen sind. Da muss man gegen angehen, das ist ja klar. Aber die größte Idee von Freiheit ist wahrscheinlich, dass man ein Problem lösen kann.“

Reflexionsfragen

1) Warst Du jemals an einem Moment, in dem Du gebetet hast, obwohl Du eigentlich gar nicht glaubst? Falls Du glaubst, wann hast Du gezweifelt/mit dem Beten aufgehört?

2) Welche Begriffe fallen Dir zuerst ein, wenn Du an das Christentum denkst?

3) Empfindest Du Deine Tätigkeit(en) als sinnhaft? Bringst Du Deine Talente so ein, wie es sich Schlingensief für sein Lebensende zunehmend wünscht?

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