# 385: BOOK OF THE WEEK — “Kein Frieden in Palästina”

Geschichte hinter der Buchauswahl

Heute schreibe ich über ein Buch, über das sich viele in Deutschland nicht trauen zu schreiben. Nein, das ist falsch. Sie wollen schlichtweg nicht darüber schreiben. Das hat viel damit zu tun, wie Medien heute „ticken“. Es hat nur das Platz, was gerade Platz bekommt. Das hat nichts damit zu tun, was gerade in der Welt los ist. Da ist immer viel los. Aber wahrgenommen wird eben nur das, wo man gerade hinschaut. Dahinter steckt, wie bei allem im Leben, eine Entscheidung. Die hängt nicht (nur) vom Leser sondern vor allen Dingen vom Schreiber bzw. den Nachrichtenproduzenten ab. Damit meine ich weniger die Journalisten denn die Medienhäuser. Doch letztlich spielt es keine Rolle. Der Punkt ist ganz einfach: Der Konflikt in Palästina ist immer und daher kommt er so selten vor.

Heute müssen Kriege und Konflikte krachend aus den Nirgendwo kommen.

Dann haben sie eine Chance auf Prime Time Television.

Wohl dem, der den Strom für einen Fernseher hat.

Nicht alle auf der Welt haben das.

Viele wollen es schon gar nicht mehr.

Über dieses Buch schreibe ich, weil ich mich dazu entschieden habe. Und ich tue dies nicht, weil ich Politik- oder Nahostexpertin bin. Als Wissenschaftlerin lernt man besonders in Deutschland, dass man die Klappe halten sollte zu allem, was nicht im eigenen Fachgebiet liegt. Dagegen habe ich mich schon lange entschieden. Aber an manchen Stellen maße ich mir von mir aus nicht an, irgendeine Ahnung zu haben, die über Laientum hinaus geht. Im Grunde müsste dies dazu führen, dass man ganz schweigt. Das will ich aber nicht. Vielmehr möchte ich über einige vielleicht versteckte Details sprechen, die in diesem Buch auch vorkommen, aber wohl kaum jemand auffallen, der nur nach Konflikt und politischer Parteinahme sucht.

Eines muss von Beginn an klar sein: Der Titel ist Programm und genau deshalb hat es die Autorin ja auch geschrieben — so nehme ich an. Wer hier eine gekünstelte Objektivität sucht, wird ins Leere lesen. Es geht um die Darstellung des Konfliktes als Dauer-Krieg aus der Perspektive der Palästinenser. Das ist schon deshalb wichtig, weil Autoren zumindest wissen sollten, wovon sie reden. Und Helga Baumgarten weiß das wie kaum eine andere Deutsche in Palästina. Und daher ist es nur legitim, diese Perspektive zu schildern. Sollten sich dann Menschen aufregen darüber, dass dies einseitig ist oder voreingenommen, dann ist das so — um nichts anderes geht es in dem Buch. Denn schließlich gibt es zum Thema bereits ganze Bibliotheken voller Literatur.

Aber es kommt eben auf die Perspektive an.

Und da schadet es nicht, mal einen Blick über den Zaun zu werfen.

Leider hat dieser hier Stacheln.

Wenn ich oben schreibe, dass es mir um vielleicht versteckte Aspekte im Buch geht, dann geht es mir besonders um einen darunter, der mir bei der Diskussion von Professoren und Politikern in der Öffentlichkeit oft zu kurz kommt. Nein, eigentlich kommt er nicht zu kurz, er wird nur so polarisiert, dass nur eine Seite der Medaille übrig bleibt. Was ich damit meine, ist, bei Menschen wie Baumgarten oder Said wird oft nur eine Seite der Person und ihrer Profession dargestellt und daher wahrgenommen. Bei Said war es sein Engagement für Palästina oder seine Wissenschaft. Beide hatten im Prinzip nichts miteinander zu tun fachlich. Bei Baumgarten ist es vom Fach her etwas anderes. Sie ist Politikwissenschaftlerin und sie redet öffentlich über Politik. Der Punkt aber ist, und um den geht es mir hier, sie ist (auch) Intellektuelle und Wissenschaftlerin, die in ihrer langen Zeit in Palästina auch sehr viel mehr bewirkt hat, als (nur) politische Bücher zu schreiben.

  1. Medien in Deutschland
Baumgarten 7

Diese Passagen aus dem Vorwort sind deshalb so wichtig, weil sie aus meiner Perspektive sehr schön zeigen, wie man doch immer wieder vom eigenen (Heimat-)Land überrascht werden kann. In diesem Fall muss es sehr unerwartet gekommen sein, denn wer sich in Deutschland „pro-Palästina“ äußert, wie man es häufig nennt, schafft es eigentlich gar nicht in die Mainstream-Medien. Dafür gibt es sehr gute Gründe und als eine Frau, die sich in allem was sie tut, für den Dialog zwischen Nationen und Kulturen einsetzt (damit meine ich an der Stelle mich), bin ich die Letzte, die absolut überflüssige Ressentiments schüren würde. Nur leben wir leider auch in einer Zeit, in der ich eine AFD in der Tagesschau anhören muss, ohne es zu wollen. Insofern freut es mich, dass eine Autorin, die mit Sicherheit in keiner Weise einen Social Media Run auslösen wollte, solch direkte Reaktionen von ihrem Publikum erfahren hat.

Noch mal: Mir geht es hier nicht darum, die eine oder andere Seite als falsch oder richtig hinzustellen. Mir geht es nur darum, dass wir inmitten all der Pluralismusdebatten auch anerkennen sollten, dass bestimmte Gruppen in Deutschland sich oft nicht gehört und gesehen fühlen und dass sogar Deutsche (also nicht zu der Gruppe gehörende), ihnen eine Stimme geben können. Um nichts anderes sollte es bei gutem Journalismus gehen — Menschen und Themen eine Stimme zu geben, die oft nicht gehört werden oder untergehen im allgemeinen Aufmerksamkeitswirrwarr. Genau das untergräbt nämlich die oft nicht vorhandene Würde vollends. So lese ich Baumgartens Buch und dafür steht auch die Art und Weise, wie sie es geschrieben hat: Sie gibt Einzelschicksalen eine Stimme — unter anderem. Das mag nicht wissenschaftlich ausgewogen sein, aber darum geht es ihr an diesen Stellen auch nicht, behaupte ich. Trotzdem ist in dem Wissenschaft enthalten und auch zitiert.

2. Abu Lughod et al.

Baumgarten 26–27

Diese Stelle habe ich deshalb markiert, weil ich mich erinnere, wann mir Abu Lughod nahe gebracht wurde: In einem Uni-Kurs mit Helga Baumgarten. Hätte ich Abu Lughod gelernt, wenn ich „nur“ im Westen — in Deutschland oder den USA — studiert hätte? Das habe ich und da kam er nicht vor. Und viele andere, z.B. Ibn Khaldun, kamen da auch nicht vor. Auch ihn habe ich in einem Seminar mit Helga Baumgarten kennen und lesen gelernt. Was will ich damit sagen? Ganz einfach: Dies ist ein Aspekt, der mir komplett fehlt in der ganzen Debatte um Israel/Palästina. Er ist auch nicht Baumgartens Fokus in dem Buch, so meine ich, aber ich hebe ihn aus meiner subjektiven Wahrnehmung hervor: Jedes Mal wenn wir nur auf die Bomben in Nahost schauen, dann vergessen wir ein Stück mehr, dass es dort Geist und Kultur gibt, von dem hier noch immer keiner lernt.

Baumgarten hat in ihrer universitären Karriere viele dieser hellen Köpfe gelehrt und neue ausgebildet — Männer und Frauen, nur, damit keine Missverständnisse entstehen über die gern besprochenen gender roles in diesem Teil der Welt. Letztere haben eine Chance, die sie ohne Master und Doktor nie hätten in der Welt — noch nicht einmal in ihrer eigenen. Das ist es, was wirkliche Gelehrte täglich machen. Und wer glaubt, dass sie ihre Studenten nur indoktrinieren, der sollte einfach mal anfangen zu lesen. Abu Lughod wäre kein schlechter Einstig….

3. Vergessene Wissenschaftler

Baumgarten 63

Auch das gehört zur wissenschaftlichen Wahrheit: Viele Stimmen werden einfach vergessen. Das Wort “vergessen” hat den schönen Nebeneffekt, dass man das Subjekt galant aussparen kann. Ja, man selbst kann vergessen. Ja, die anderen können vergessen. Aber das Vergessen hat immer so etwas Schickes von einem gesellschaftlichen Kollektiv, von dem man nicht genau bestimmen muss, wer was genau wann absichtlich vergessen hat. Auch dies ist Teil der anderen Perspektive, die Baumgarten schildert: Die Referenz zu vergessenen Wissenschaftlern. Auch hier kann man immer sagen, dass in der Auswahl ein politischer Bias steckt. So what? Es liegt am Leser, den Vergessenen und ihren Ansichten nach zu spüren. All dies ist besser, als gar nicht von ihnen zu erfahren.

Und noch etwas ist Wichtig: Wer sich mit Wissenschaft auskennt, der weiß, dass viele kluge Köpfe aufgrund ihrer Klugheit eben nie an der Uni geendet sind. Sie brachten sich sozusagen mit jedem Wort um ihre Chance, in die akademische Geschichte einzugehen. In die Literaturgeschichte gingen sie oft trotzdem ein. Man muss da nicht nach Palästina oder ins Vorchristliche Reich zurück. Nein, diese Dinge sind mehr oder weniger aktuell. Eine Kostprobe herausragenden Wissenschaftler, denen tenure verweigert wurde:

Stanley Milgram

Juan Cole

Cornel West

Baumgarten hat ihre Lehrjahre in Palästina verbracht. Bis heute scheint es ihr ein Anliegen, den Deutschen diese Welt ein bisschen näher zu bringen. Dieses fortwährende Engagement für die BILDUNG — und als nichts anderes lese ich dieses Buch — ist ganz gemäß ihrer Philosophie. Sie schreibt, damit Menschen verstehen. Verstehen braucht immer viele Seiten und eine vertritt Baumgarten. Das ist nicht nur legitim sondern auch nötig in einer Welt, in der Wissenschaftler aus dem Westen meist sehr gern über die Menschen woanders reden, aber eben nicht in ihrer Stimme.

Ob man das darf und sogar sollte ist eine ganz andere Frage, die Wissenschaftler besonders in den Geisteswissenschaften sehr lang und breit und theoretisch diskutieren. Baumgarten macht es (einfach), und zwar seit über 30 Jahren. Und sie ist stets bereit, die andere Seite und die anderen Argumente zu sehen und ebenso zu beschreiben. Das verdient allen Respekt und Wertschätzung in einer Zeit, in der man Gefahr läuft, dass auch der kleinste Satz über Twitter die Welt zerbrechen lässt. Wer in einem so geplagten Teil der Erde lebt, hat davor wohl keine Furcht mehr. Und vielleicht ist es das, was das Buch uns sagen will:

Lasst eure Furcht mal zurück.

Fahrt mal hin.

Schaut mal über den Zaun.

Fahrt mal durch die Checkpoints.

Geht mal ins Flüchtlingslager.

Sprecht mit den Menschen.

Schaut ihnen in die Augen.

Macht Euch Euer eigenes Bild.

Reflexionsfragen

1) Wenn Du in Deinem Heimatland in einem der größten Fernsehsender auftauchen könntest — was wäre die Botschaft, mit der Du verbunden werden möchtest?

2) Was bedeutet für Dich das Wort „Intellektueller“?

3) Welche Rolle spielt Wissenschaft (wie Du das Wort definierst) in Deinem Leben?

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Silke Schmidt

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