# 379: Mit dem Herzen schreiben

Hodgson Burnett, Frances (1886/2012). Little Lord Fauntleroy.

Story behind the Passage

Vor einigen Tagen sah ich wieder “Der kleine Lord”. Für viele hat sich das Anschauen von Filmen wie diesem zu einem Weihnachtsritual entwickelt. Nur schade, dass nicht jeden Tag Weihnachten ist — nicht wegen der Geschenke, sondern wegen des Lords. Der kleine Ceddie, so meine Perspektive, hält viele Weisheiten bereit, die im täglichen Leben helfen können. Ganz besonders musste ich wieder an ihn denken, als mir ein lieber Kollege und Freund aus der Wissenschaft vor einigen Tagen sagte, dass er gerne mehr für die Öffentlichkeit schreiben würde, in diesem Fall bloggen. Aber er könne es nicht. „Es fällt mir so schwer die treffenden Worte zu finden”, sagte er. “Wenn ich wissenschaftlich schreibe, ist es eine Technik, die fast maschinell abläuft. Bei dieser Art von Schreiben für andere Zielgruppen kann ich es einfach nicht so recht.“

Diesen Text schreibe ich heute als Ermutigung für alle, denen es genauso geht. Ich bin sicher, es geht einigen so. Natürlich gibt es auch jene, die aus irgendwelchen Gründen vorgeben, für die „Öffentlichkeit“ zu schreiben sei nicht ihre Aufgabe. Ich wage die These, dass auch sie Probleme mit dem „nicht-wissenschaftlichen” Schreiben haben und sich daher dahinter verstecken, man müsse es nicht tun. Leider kommt es dann immer nur so herüber, dass sie sich nicht „herablassen“ wollen, sich mit dem gemeinen Volk auseinander zu setzen. Man könnte ja auch einmal die Frage andersherum stellen; warum sich zunehmend weniger vom “gemeinen Volk” mit der Wissenschaft identifizieren und sich überhaupt dazu “aufschwingen” wollen, Wissenschaftler zu werden und als solcher zu schreiben!?

Das führt aber vom Thema weg.

Mein Thema ist heute also, einen kleinen Beitrag dazu zu leisten, dass es den Menschen leichter fällt zu schreiben. Wenn ich „Menschen“ schreibe, dann beinhaltet das auch Wissenschaftler. Und darin schon liegt ein Teil, mein Teil, der Lösung. Wissenschaftler, genauso wie Manager, Politiker, und viele andere Berufsgruppen haben sich erfolgreich das Menschsein abtrainiert. Wie meine Leser wissen, besteht Menschsein für mich aus Kopf und Herz, und der Kopf jeweils aus einer linken und einer rechten Hirnhälfte. Die rechte Hälfte, die für Emotion und Kreativität zuständig ist (so die stereotype Schilderung), wird meist erfolgreich unter Anzügen und geschwollener Sprache versteckt. Irgendwann erstickt sie und das ist der Moment, in dem dann Wissenschaftler vor einem Blatt Papier sitzen und ein Essay oder einen Beitrag für eine Medienpublikation schreiben sollen/wollen aber nicht können.

Es kommt nichts dabei raus.

Und wenn etwas rauskommt,

dann berührt es keinen.

Da kann der Kleine Lord Abhilfe schaffen.

My Learnings

“And that is best of all, Ceddie, — it is better than everything else, that the world should be a little better because a man has lived — even ever so little better, dearest.” Eigentlich ist mit dem Satz auch schon alles gesagt, was ein Schreiber braucht, um sein Publikum zu erreichen. Aber leider ist das meist nicht der Satz, mit dem sich der gemeine Akademiker an den Schreibtisch setzt. Stattdessen hat er alle möglichen anderen „Ziele“ im Kopf: Er möchte seiner „Verpflichtung“ nachkommen, er möchte “überzeugend” schreiben, er möchte “keinen vor den Kopf stoßen”, er möchte bloß keinem “auf den Schlips treten”, er möchte seiner “Rolle als Wissenschaftler” gerecht werden, er möchte etwas “Neues in den Diskurs” bringen und bloß nichts kopieren und vor allem möchte er sich nicht blamieren. Letzteres gesteht er sich meist nicht ein, aber meine Aufzählung hier wäre doch unvollständig, hätte ich diesen Aspekt weggelassen.

Mit der Scham, ja mit der Angst, schleichen sich auch schon die Zweifel ins Schreiben und damit die Lähmung in die Finger. Es überwiegt die Überzeugung, dass man als Wissenschaftler eine Art des Schreibens gelernt hat, die nun mal für den ‘normalen’ Menschen ganz und gar unverständlich ist. Gegen diese Einschätzung ist auch prinzipiell nichts zu sagen. Wer einmal Bhabha oder Spivak gelesen hat, wird wissen, was ich meine. Bemerkenswert ist auch, dass es sich unter den Kompliziert-Schreibern oft auch um jene Akademiker handelt, die vom familiären Hintergrund nicht aus Intellektuellenfamilien oder privilegierten Verhältnissen stammen, jedoch umso stärker einen akademischen Duktus imitieren oder angenommen haben, der alles andere als ein Augenschmaus ist. Allein aus dieser Beobachtung lässt sich erkennen, welche vermeintliche „Sicherheit“ einem akademisches Jargon gibt.

Leider klappt das nur unter Gleichen.

Verlässt man die Welt des Immergleichen, der Experten, ist man der freien Wildbahn ausgesetzt. Dort herrschen andere Gesetze, noch dazu in Zeiten von Social Media und Shitstorms. Das Wissen um all diese Unwägbarkeiten erhöht die Barrieren, die Gedanken in eine Form zu gießen, die den Leser erreicht. Und doch schleicht sich bei dieser Idee eben ein Motiv wieder ins Bewusstsein, dass ich zunächst bewusst außen vor gelassen habe bei der Vielzahl an Motiven, die Wissenschaftler zum Schreiben bringen, aber gleichsam davon abhalten: Der Wunsch, die Welt ein bisschen besser zu machen. Da ist sie also endlich, die Brücke zum Kleinen Lord.

Es ist nämlich nicht so, dass alle Wissenschaftler nur durch Zufall in ihrem Job gelandet sind. Ja, es gibt jene, die einfach nichts „Anständiges“ gelernt haben und denen daher nichts anderes übrig geblieben ist, als Lehrer für Große zu werden. Daran ist nichts Schlechtes und nichts Gutes, es ist einfach so. Man muss damit leben und das Beste daraus machen, genauso wie der alte Earl damit leben muss, dass Ceddie sein Enkel ist. Und kaum ist diese Annahme des Schicksals, des Unumgänglichen passiert, geschieht eine unnachahmliche Öffnung. Der kleine Junge öffnet das Herz des Alten — ja, macht sein Leben wieder lebenswert. Und das Berührende ist, dass Letzterer das selbst irgendwann einsieht; sogar ausdrückt. Er erkennt sich in sich selbst. Er lernt, sich selbst von einer anderen Seite zu sehen. Er erkennt den alten verbitterten Mann in sich und schämt sich. Schließlich freut er sich über das Erkannte.

Und nun denke man sich diese Metapher in die Welt der Akademiker hinein.

Wo sind die Kinder, die die Herzen der Wissenschaftler erweichen, damit sie wieder Dinge sagen, die andere erreichen — berühren?

Wo sind die Wissenschaftler, die sich von den kleinen Jungen berühren lassen?

Ich sehe mich heute in der Rolle des Kleinen Lord, der das versucht. Gelingen kann es in einem Text wie diesem nicht. Denn diese Form des „Ergreifens“, des Veränderns, geschieht nur im unmittelbaren Umgang miteinander. Man kann ihn nicht erzwingen, erlernen, oder gar planen. Es geht nicht. Es geht genauso wenig, wie ich jemanden „zwingen“ kann, einen Blogbeitrag wie meinen zu lesen. Auch kann ich niemanden dazu bringen, sich von einem Blogbeitrag berühren zu lassen. Will sagen: Der Kleine Lord kann nur durch das SO-SEIN-WIE-ER-IST einen Unterschied im Leben des Alten machen. Das ist auch die einzige Option, die ich habe. Und mein SO-SEIN beinhaltet eben auch, dass ich so schreibe, wie ich hier schreibe.

Genau darin liegt auch der Weg, zu dem ich hier nur ermutigen kann. Wie zuvor schon aufgezeigt, liegt der Weg zum Schreiben für “die Öffentlichkeit” — Akademiker und Nicht-Akademiker — im Menschsein. Das ist so einfach, dass es schon wieder sehr kompliziert klingt. Aber anders kann ich es nicht ausdrücken. Es ist ein bisschen so wie diese Gesangslehrer, die behaupten, jeder Mensch könne singen. Ich selbst würde das nicht von mir behaupten, glaube aber, dass der Satz trotzdem wahr ist. Was mich vom Singen abhält, ist mein Glaube, dass ich nicht singen kann. Genauso ist es mit den Akademikern, die glauben, dass sie nicht schreiben können — zumindest nicht für alle.

Wenn wir diesen Irrglauben aufgeben, ist schon viel gewonnen.

Der Schlüssel zum Text liegt also darin, die eigene Ganzheitlichkeit wieder zu entdecken und das Hirn dazu zu bringen, wieder das zu fühlen, was einen vielleicht ursprünglich mal zum eigenen Forschungsthema gebracht hat. Irgendwo in diesem Thema sind Emotionen versteckt, Erinnerungen, Gedanken, Träume, Fragen und viel Kreativität. Das alles haben viele in ein kleines Kämmerchen geschlossen, in so eines, wie es das sicher auch auf dem Schloss des Earls gab. Das ist kein Kämmerchen im Kerker, eigentlich ist es eine Vorratskammer. Es gibt drei Wege, wie man mit dem Kämmerchen umgehen kann. Entweder, man lässt den Hunger nach Sinn und Wirkung in der Welt so groß werden, dass man alle Mittel und Wege nutzt, um die Tür aufzubrechen und die Fülle zu teilen bei einem Festmahl, wie das des Kleinen Lords und aller Schlossbewohner. Ein anderer Weg ist, man sucht überall den Schlüssel, probiert viele unterschiedliche und schließlich passt einer, den man langsam und sachte umdreht. Oder man lässt alles verschlossen und erfährt nie, was innen drin verdorben ist.

Darüber kann ich nicht entscheiden.

Das ist Sache des Einzelnen.

Ich kann nur teilen, wie einfach das Schreiben ist,

Wenn man als ganzer Mensch schreibt,

nicht nur mit dem Kopf.

All das ist es, was ich mit Schreiben mit dem Herzen meine. Diese Formulierung ist bewusst gewählt. Es geht nicht um das Schreiben vom Herzen. Vielmehr geht es mir darum zu zeigen, dass das Herz auch ein Instrument sein kann, nicht nur die Quelle des Gedachten und Gesehenen. Es ist ein Partner, den man beim Schreiben mitnehmen kann, genauso wie den Kopf und alles andere, was man bis dato innerhalb und außerhalb der Wissenschaft gelernt hat. Das alles macht den Menschen aus, so wie er dann am Schreibtisch sitzt. Und wenn er das alles einlädt, mit in den Text zu kommen. Ja, wenn er sich der vermeintlichen Gefahr aussetzt, sich ganz und gar hinzugeben und die Buchstaben laufen zu lassen — ohne Sinn und Verstand, ohne Plan und Konzept — dann formen Worte einen Mutterboden für die wunderbarsten Taten, die dann die Welt ein bisschen besser machen…

P.S.: Merci, IN, für die Inspiration.

Reflection Questions

1) Welche Art des Schreibens liegt Dir am meisten?

2) Welches sind Tätigkeiten, bei denen Du das Gefühl hast, Dich mit Deiner ganzen Persönlichkeit einzubringen?

3) Wenn Du Wissenschaftler wärst/bist, wäre/ist es Dir wichtig, Deine Forschung an die breite Öffentlichkeit zu kommunizieren? Warum/nicht?

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Silke Schmidt

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