# 374: Denken macht Sinn — wenn jemand mitmacht

Habeck, Robert in „Maybrit Illner“ (25.11.2021), Transkription der Autorin.

Story behind the Passage

Seitdem ich nicht mehr täglich blogge fehlt etwas in meinem Leben. So oder so ähnlich beginnt seit meinem letzten täglichen Post fast jeder Post , den ich seither noch sonntags zu einem Buch schreibe. Ich muss aber auch sagen, dass mich seit vielen Wochen nichts mehr so berührt oder aufgeregt hat, dass ich unbedingt schreiben musste. Heute ist das anders, denn ich habe gestern mal wieder eine politische Talkshow gesehen, in der ein Satz gefallen ist, nein, da ist eine Bemühung unternommen worden seitens eines Redners, in der ich mich zutiefst wiedererkannte. Leider nahm sie denselben Ausgang, in dem ich mich ebenso wiederfinde. Das ist kein Jammern, Klagen oder Beschuldigen. Das ist eine schlichte Tatsache.

Die Begebenheit, um die es mir geht, findet sich in der oben zitierten Passage von Robert Habeck. Ich bin nicht bei den Grünen oder in sonst einer Partei. Habeck ist mir deshalb wichtig, weil er von Berufswegen und qua Ausbildung „Denker“ ist. Das mag man zwar bei allen verantwortungstragenden Menschen der Republik, ob in Politik, Forschung oder Wirtschaft, annehmen, dem ist aber offensichtlich nicht (immer) so. Ich wurde an einen Satz erinnert, den ich vor nur zwei Tagen in einem Gespräch mit einem Ingenieur und Forscher äußerte. Wir sprachen darüber, wie sehr die Daten das Denken in den Chefetagen verdrängten. Ich sagte: „Tja, Denken macht Sinn.“ Er lachte herzlich und entgegnete: „Das ist gut, das muss ich mir gleich aufschreiben.“

My Learnings

„Wenn wir alles, was wir immer wissen, immer richtig machen würden, sowohl politisch richtig entscheiden würden, wie Menschen richtig regieren, dann hätten wir diese vierte Welle nicht.“ Die Sache wäre lustig, wäre sie nicht so ernst. Was Habeck gestern versuchte zu sagen, so jedenfalls meine Interpretation, ist das, was noch kein Wissenschaftler vollends entschlüsselt hat: die menschliche Natur. Es ist das, was mich am klassischen Pragmatismus der USA nachhaltig fasziniert: die Lücke zwischen Denken und Handeln, zwischen Einsicht und Konsequenzen, zwischen Festhalten am Bekannten und der Neugier auf Unbekanntes. Das alles aber, auch meine Worte hier, ist den meisten schon zu viel. Das ist “nur” Denken — Philosophieren — und damit Zeitverschwendung. So war es auch gestern. Habeck konnte nicht erklären, was er eigentlich erklären wollte, weil man ihn nicht ließ. So gab er es schließlich nach nur wenigen Sätzen auf, und zwar in einer Gefasstheit, die Professionalität aber auch ein Stückchen Resignation in seinem Gesicht offenbarte.

Wie so oft scheiterte die menschliche Sprache als Instrument des Dialogs.

Ich kenne diese Situationen sehr gut. Irgendwann lernt man in diesen Momenten schnell, dass man einfach nicht weiterkommt. Man hat in unendlich vielen Treffen — wichtig und unwichtig — gelernt, dass man Dinge nur richtig „pitchen“ muss, damit sie ankommen. Und dann nimmt man eben an, dass einem dies in diesem Moment nicht gelungen ist, zumindest als selbstkritischer und damit reflektierter Mensch. Das hat noch nicht einmal etwas mit Überzeugung der anderen zu tun. Es geht um Verständnis — “banales” Nachvollziehen des Gesagten. Aber das hatte gestern keinen Platz mehr. Es hat, so mein Eindruck, überhaupt keinen Platz mehr irgendwo. Es geht immer und zu jeder Zeit nur ums schnelle „Machen“ und “Punkten”. Wie beim Schiffe versenken — Treffer, gluck, gluck…. Es geht nicht darum, das „Warum“ zu erforschen, auch wenn man weiß, dass diese Erforschung zunächst keine direkte Tat in Gang setzt. Dahinter steckt aber das tiefe Wissen, dass genau diese Erforschung des Wesens aller Dinge die Voraussetzung dafür ist, um die Probleme wirklich und damit spürbar und nachhaltig zu lösen.

Das sieht aber kaum jemand.

Denn es denkt kaum jemand mehr.

Wir haben die Bildung zum Denken irgendwo verloren.

Das Traurige ist:

Ich mache mit.

Wenn ich von Mitmachen rede, dann meine ich damit, dass auch ich ständig zu Taten auffordere. “Wissenschaftler sollen zeigen, dass sie aktiv Probleme lösen können. Philosophen sollen zeigen, dass sie in der Wirtschaft Führung übernehmen können, um sie anders zu gestalten.” All diese Dinge versuche ich voran zu treiben und renne damit fast täglich gegen genau so eine Wand, die sich gestern gegen Habeck aufgebaut hat. Das Problem bei der Wand ist, dass wir, ich nehme ihn da einfach mal mit hinein, nicht allein über das Denken oder Handeln reden. Nein, offensichtlich MACHT ein Politiker, genauso wie es auch Forscher gibt, die durchaus Probleme lösen — im Leben außerhalb der Uni, aber mit dem Gelernten und Gedachten aus den Büchern. Auch Forschen ist Machen. Auch Schreiben ist Machen. Menschen helfen, ist Machen. Und an manchen Tagen vergesse ich angesichts all des Machens selbst, wie wichtig die Philosophie und die Literatur sind, die mir das Denken ermöglichen, das schließlich das Machen anstößt. Und dann kommt es immer und immer wieder zu diesen existentiellen Krisen, die plötzlich doch keiner mehr lösen kann von jenen, denen es nur um Zahlen, Daten und Fakten und um das vermeintliche “Umsetzen” geht.

Und in diesen Momenten schäme ich mich.

Denn ich verstoße gegen meine eigene Philosophie.

Jene Philosophie, die meint,

dass die Schulung des Geistes der Ursprung jeder Innovation ist,

und damit auch der Bekämpfung von Covid.

Leider schleicht sich in diese Überzeugung aber auch Unsicherheit. Es ist die Unsicherheit, dass ich das nicht beweisen kann. Ich kann nur auf die Menschheitsgeschichte verweisen, auf die großen Denker der Geschichte, auf die großen Erfinder aller Zeiten. Die meisten davon waren Philosophen und Naturwissenschaftler und darüber hinaus noch vieles mehr. Aber den einen oder anderen Teil hat man irgendwie vergessen. Oder man will ihn vergessen. Oder ich bewerte ihn über und das Denken ist einfach gar nicht so wichtig bei alledem. Wie dem auch sei, all diese Beispiele sind für meine Gesprächspartner aus Wirtschaft und IT meist absolut irrelevant. Sie bringen nichts. Jedes Gespräch, das länger als 10 Minuten dauert, bringt nichts, ist vergeudete Zeit. Jeder Satz in einer Talkshow, der Menschen darauf hinweisen könnte, sich mit sich selbst auseinander zu setzen, hat keine Chance.

Das alles ist es, was mich heute schreiben lässt.

Schreiben ist auch immer egoistisch, wie ich schon oft beschrieben habe. Die Motivation ist oft Schuld. Vielleicht ist es auch einfach nur eine Erkenntnis, dass man versagt hat oder zu blöd ist, die Dinge so zu „verpacken“, dass sie andere auch verstehen. Die größte Schuld, der ich täglich begegne, ist das Mitmachen. Ich ertappe mich täglich dabei, wie ich darüber nachdenke und spreche, wie wir empirisch und mit big data beweisen könnten, dass Kultur- und Geisteswissenschaftler Wert in Unternehmen schaffen; dass Empathie und Interkulturalität wichtiger für den Erfolg von Unternehmen sind als sämtliche Produkte. Und genau das ist die Falle. Damit mache ich mit. Ich habe gute Intentionen, aber ich grabe mir selbst meine Grube. Ich will quantifizieren, was nicht quantifizierbar ist, nicht sein sollte: der menschliche Geist nämlich und das Vertrauen darin, dass Machen ohne Denken ins Elend führt.

Zu diesem Schluss kommt aber nur, wer darüber nachdenkt.

Damit drehen wir uns im Kreis.

Auch das keine schöne Vorstellung für jene, deren Welt linear und mit Daten geplant werden soll.

Die Hoffnung, mit der ich enden möchte, ist auch mit “Kreisen” verbunden. Es ist die Hoffnung aus der Erkenntnis heraus, dass die Geschichte sich immer wiederholt — leider, aber auch zum Glück. Ich lese jeden Morgen Marc Aurel und da stehen viele Sätze drin, aus denen klar wird, dass die Welt immer nach den gleichen Prinzipien verfährt. Das allein sollte Naturwissenschaftler und Philosophen vereinen — tut es aber nicht. Jedenfalls war es in der Geschichte der Menschheit immer so, dass die vermeintliche Irrationalität über das Rationale gesiegt hat. Das ist oft traurig, aber das Schöne darin ist, dass man diese Dinge nur erklären oder zumindest ergründen kann, wenn man sich mit den Wurzeln des Menschseins und der menschlichen Wissensaneignung beschäftigt. Damit meine ich nicht, dass dies nur Philosophen tun. Ich meine damit, dass in jedem von uns ein Philosoph steckt.

Spätestens wenn Manager den zweiten Herzinfarkt haben, die Frau weg ist, und all das schön Geld auf der Bank irgendwie auch nichts bringt, dann fragen sie sich, wozu das wohl alles gut war. Sie fragen sich nach dem „Warum“? Sie fragen nach Glück, Freude, Schuld und Wut. Ja, einige beginnen sogar, sich nach all den Jahren des Engineerings und Bilanzierens für Menschen zu interessieren. Sie beginnen zu erahnen, dass sie, wenn sie früher sagten, sie “wussten”, wann immer sie schöne Charts gemalt und präsentiert haben, eigentlich nichts wussten. Das ist das Ende vom Anfang. Das ist, wenn sie begreifen, dass das Denken nicht nur Sinn macht, sondern auch glücklich. Dann erschließt sich, warum es so etwas wie Geisteswissenschaften zumindest einmal in der Uni gegeben hat. Aber wahrscheinlich ist es zu spät, das noch jemand zu erklären.

Für die vielen Covid-Toten ist es schon zu spät.

Für die Zukunft können wir noch was MACHEN.

Wenn wir ein bisschen über uns NACHDENKEN.

Und Denkern wie Habeck ZUHÖREN.

Jetzt.

Reflection Questions

1) Wann mussten Sie zuletzt etwas „quantifizieren“, also mit Zahlen und Daten belegen, obwohl jeder mit „gesundem Menschenverstand“ weiß, dass das Gesagte zutrifft? Wie gehen Sie damit um?

2) Wie viel Zeit nehmen Sie sich zum bewussten Denken?

3) Was bedeutet für Sie der Begriff „Philosophie“? Welchen Beitrag leisten Philosophen für die Gesellschaft aus Ihrer Perspektive?

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Silke Schmidt

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