# 331: BOOK OF THE WEEK — “Die Bekenntnisse des heiligen Augustinus”

Augustinus, Übersetzung von Otto F. Lachmann (1888/401). .

Story behind the Book Choice

Ja, schon wieder ein Buch auf Deutsch und ja, schon wieder schreibe ich in deutscher Sprache. Mittlerweile wird sehr deutlich, dass auch dieser mein Blog zumindest in weiten Teilen dem gleicht, was ich heute bespreche. Die Bekenntnisse des Heiligen Augustinus gelten als erste Autobiographie der Geschichte.* Ruft man sich in Erinnerung, dass Emerson mal sagte, “all history is biography,” so dürfte dies nicht stimmen, denn es gab schon lange vor Augustinus Historiker. Trotzdem ist die Parallele darin zu sehen, dass Autobiographie, besonders bei Augustinus, wie bereits der Titel suggeriert, immer etwas mit Selbsterforschung und mit dem Bekennen der damit verbundenen Erkenntnisse zu tun hat. Mit meinen Erkenntnissen geht auch einher, dass mein ursprüngliches Anliegen, für startup founder zu schreiben, sich mittlerweile mehr oder weniger erledigt hat. Damit ist verbunden , dass ich von der Inklusivität des Englischen öfter abweiche.

Diese Selbstfokussierung bringt unweigerlich mit sich, dass das eigene Ich, soweit man es denn verstehen und beschreiben kann, im Zentrum der Schriften steht. Das hat bereits Kritiker zu Augustinus Zeit dazu gebracht, ihn mehr oder weniger als Egomanen abzutun und erst recht an seinem Glauben zu zweifeln. Und ich kann mir gut vorstellen, dass auch Leser meiner Schriften — sofern dies hier jemals irgendwer gewissenhaft liest — zu diesem Schluss kommen. Eine Frau, die nichts Besseres zu tun hat, als um sich selbst zu kreisen, könnte man einwerfen. Das stimmt, doch geht man davon aus, dass ebendiese Selbsterkenntnis der Schlüssel nicht allein zum glücklichen Leben des Individuums, sondern auch zum sittlichen Handeln des Individuums in der Gesellschaft ist, spielt dieser Fokus auf das Ich doch eine Rolle, die viel weiter reicht als jegliche Selbstsucht. Dies scheint mir noch wichtiger in einer Gesellschaft, in der augenblicklich über sämtliche Führungsetagen hinweg, die Selbstreflexion und die daraus resultierende Fähigkeit zur Reflexion über die Welt abhanden gekommen zu sein scheint.

Bei dieser Vorrede möchte ich es dann heute auch bereits belassen und gleich zum Wesentlichen kommen. Leser meine Beiträge werden es bemerkt haben, dass mich Augustinus bereits die ganzen Tage begleitet und beschäftigt. Es ist unmöglich, all die Erkenntnisse und weiterführenden Gedanken in der Knappheit hier wieder zu geben, die mir das Studium dieser Schrift bedeutet hat. Vor allem aber hat sie eines erreicht, das schier unbezahlbar ist: Sie hat mich, ein Stück zumindest, zurück zu mir selbst geführt und zu dem, was mich leben lässt. Nichts anderes war das Ergebnis von Augustinus Reise — sie hat ihn vermeintlich zum Endes seines Suchens gebracht, doch eigentlich ist dies genau nicht die Erkenntnis. Vielmehr liegt das Ankommen in der Gewissheit, dass das Suchen Teil der Persönlichkeit bleibt und dies eben nicht das Finden von Gott ausschließt. Diese Erkenntnis ist so groß, dass sie überwältigt. Denn Ankommen bedeutet vermeintlichen Stillstand und damit eben kein fortschrittliches Wirken in der Welt. Ankommen in Gott bedeutet Ruhe und Erfüllung. Beide in Kombination sind es, die die Welt verändern.

1. Lehren und Lügen

IV. Buch, Kap. 1–2

Ich habe Augustinus bereits vor einigen Tagen erwähnt, als ich zur Rhetorik schrieb und dem Schrecken, der einem durch die Glieder fährt, wenn man vollends begreift, welche Kraft die Redekunst in sich birgt — eine Kraft, die der Verantwortung des Redners einiges abverlangt. Das ist es im Grunde, worüber Augustinus hier in dieser Passage spricht. Ich möchte aber heute kurz darauf eingehen, wie er dies mit seiner „Karriere“ als Lehrer, als Professor der Rhetorik, verbindet. Der Großteil des Buches besteht natürlich aus der detaillierten Rückschau der Jahre, bevor er zu Gott gefunden hat. Diese, so bekennt er, waren Jahre des Verlorenseins. Interessant ist hier, dass er nicht allein die Wissenschaften miteinbezieht, sondern auch die “Religion,” wobei er sich an dieser Stelle noch auf die Manichäer bezieht, denen er lange Zeit nacheiferte.

Die Stärke dieser Passage lebt nicht so sehr, zumindest für mich nicht, von der Erkenntnis allein, dass er sich all die Zeit auf Irrwegen befunden hat. Viel eindrücklicher ist es, die Schuld zu verstehen, die er nach eigenem Ermessen auf sich geladen hat, indem er andere, seine Schüler, durch seinen eigenen Eifer am Irrglauben mitgerissen hat. Es handelt sich hier also um eine nach damaligem Standpunkt gute Intention, die letztlich, aus der Sicht des später Bekennenden, Lüge und damit Sünde war, da sie nichts mit der Wahrheit zu tun hat, die Augustinus erst später kennen bzw. sehen lernt. Er geht in den letzten Büchern noch darauf ein, was genau unter Wahrheit zu verstehen ist und definiert diese im Wesentlichen, im Rahmen seiner Theorie der Zeit, als die unveränderliche Weisheit, die der Mensch mit Hilfe des Verstandes zu erkennen in der Lage ist.

Diese Einsichten sind berührend, da sie, ebenso völlig ohne theologische oder spirituelle Bezüge, einem jeden Lehrenden widerfahren können, sobald er erkennt, dass das Gelehrte falsch war, also nicht mehr seinem heutigen Kenntnisstand bzw. seiner Überzeugung entspricht. Dies ist keinesfalls “Fehler” der Wissenschaft, sondern im Grunde immanenter Bestandteil, sofern man Wissenschaft als einen linearen und mehr oder weniger deterministischen Prozess der Wissensanhäufung und teils auch Verwerfung alter Hypothesen ansieht. Und hier liegt doch der entscheidende Unterschied zum Glaubensbekenntnis, das in den Bekenntnissen des ehemals ungläubigen und vielfach deklarierten Fleischeslüsternen enthalten ist. Die Erkenntnis, dass Gott allein Weisheit und damit Wahrheit schenkt, verdrängt alle zuvor rational verstehend gewonnenen Wahrheiten. Damit macht sie auch die sogenannte Wissenschaft nichtig. Und wenn man bedenkt, dass Augustinus frühe Jahre und sein gesamter Erfolg mit dieser Tätigkeit, der Rhetorik, verbandelt waren, so ist dies eine sehr tiefgreifende Erschütterung seiner gesamten Existenz. Inwiefern er hier auch die Philosophie, zumindest in ihrer wissenschaftlichen Ausübung, miteinbezieht, bleibt genauer anzuschauen, was ich aber an dieser Stelle nicht tun möchte.

Soweit mir bekannt, sprechen Kritiker immer von drei großen Wenden im Leben des Augustinus. Die Wende, die ihn von seiner Lehrtätigkeit als Rhetoriker hin zur Philosophie fortbrachte, war die erste davon. Dabei spielten sicherlich, auch das klingt in der Passage durch, nicht allein Glaubensgründe eine Rolle. Augustinus war vielfach „genervt“ von der nicht-vorhandenen Disziplin und vielleicht auch Tauglichkeit seiner Schüler. Und angesichts seiner offensichtlich herausragenden Fähigkeiten verwundert es wenig, dass er sich verärgert und wenig respektiert zeigte. Genau dieses Grundproblem, das Auseinanderklaffen der Brillanz eines Lehrers und der häufig anzutreffenden Dummheit, um es bewusst provokativ zu formulieren, seiner Schüler, ist heute noch genauso gültig wie vor 2.000 Jahren — vielleicht mit noch tiefgreifenderen Konsequenzen für den Lebensweg beider.

Was jedoch zählt, ist, und das lässt die Rückschau des ehemals Suchenden außen vor an diesen frühen Stellen, ist die Tatsache, dass er suchte. Auch wenn seine Stellung als „Gelehrter“ sein Leben ausmachte, er suchte nach der Wahrheit und sie brachte ihn fort von dem Weg, den er rückblickend als Irrweg betrachtet. (Übrigens sehe ich die Wahrheitssuche, zu der man in der Literatur über Augustinus liest, explizit jedenfalls nicht so dominant im Buch selbst wie häufig dargestellt.) Und was bleibt, ist die Lüge, derer er sich bedient hat. Die Tatsache allein, dass dies, also die Lehre der Rhetorik als mehr oder weniger wahrhaftige Tugend, so erfolgreich gelang, unterstreicht jedoch andererseits ihre Stärke, Überzeugungen im Menschen auszulösen, die Ungeübten nicht möglich sind. Trotz aller Buße behaupte ich, dass es genau diese Fähigkeit war, die ihn später als Prediger und Bischof ebenfalls über die Maßen erfolgreich, im Sinne der Verbreitung der Heiligen Schrift, werden ließ.

2. Lehrer

VIII. Buch, 2. Kap.

Diese Stelle ist aus vielerlei Sicht interessant, da Augustinus hier u.a. die neoplatonischen Schriften erwähnt, die ihm ebenfalls auf seinem Weg zum Glaubensbekenntnis begleitet und weitergebracht haben, ähnlich wie die Schriften Ciceros ihn zur Philosophie “bekehrten”. Warum ich diese Stelle hervorhebe ist jedoch, da es um die Erwähnung von Ambrosius geht. Ambrosius wird ihn später taufen, aber zunächst ist klar, dass Ambrosius hier selbst nicht in erster Linie als Lehrer sondern als Schüler vorgestellt wird — als „Sohn“ des Simplicianus, „der ihn liebte.“

Es ist offensichtlich durch alle weiteren Kapitel, dass Ambrosius und die Art und Weise, wie er predigte und auslegte, Augustinus zutiefst bewegt, später gar „überzeugt“, haben. Und ich muss gestehen, dass ich diese Passage mit Freude und Wehmut gelesen habe, wobei Augustinus mich wohl an dieser Stelle ermahnen würde, dass die Wehmut keinen Platz haben sollte im Leben des wahrhaft Gläubigen. Diese Wehmut stammt jedoch schlichtweg daher, dass ich diese Schüler-Lehrer-Konstellation im heutigen Wissenschaftssystem — vielleicht sogar im gesamten (Aus-)Bildungssystem — schmerzlich vermisse. Ja, dies ist eine subjektive Erfahrung und natürlich kann man einwenden: „Warum, jeder Schüler und jeder Student hat doch noch Lehrer?“ Stimmt, aber nicht solche, wie es Ambrosius für Augustinus werden sollte, wie es Sokrates für Platon war und wie es Albertus Magnus für Thomas von Aquin war.

Es wird in der gesamten Schilderung, auch des Victorinus, deutlich, wie sehr sich Augustinus darüber klar war, welche Qualitäten gewisse „Hochgelehrte“ hatten und welche eben nicht. Und Augustinus geht hier besonders auf die Breite des Wissens und der Erfahrung ein. All dies lässt mich glauben, dass diese Menschen eine entscheidende Bedeutung für seinen Weg hatten. Natürlich ist dies immer ein Henne-Ei-Problem, da man einwenden kann, jemand wie Augustinus hätte schon weitergesucht, hätte er eben jene herausragenden Lehrer nicht gefunden, um ihm auf seinem Weg zum Glauben zu begleiten, was ja zunächst einmal gar nicht “der Plan” war. Was aber, wenn nicht? Was, wenn er aufgehört hätte mit der Suche nach dem Ungewissen oder es schlichtweg weit und breit keine Lehrer gegeben hätte, die seinen Ansprüchen und damit Bedürfnissen an wahre Lehrer gerecht geworden wären?

3. Zwiespalt und Kampf

VIII. Buch, 10. Kapitel

Das achte Buch ist jenes, indem Augustinus schließlich seine wahrhaft mystische Bekehrung im Garten von Mailand nachzeichnet. Ich wähle aber bewusst eine Stelle davor aus, in der er noch eindrücklich sein Ringen beschreibt. Der Kampf mit sich selbst und gleichsam das Gespür, dass etwas in ihm im Wandel ist, wird hier immer stärker. Natürlich ist dies das Thema, welches das Buch von Beginn an durchzieht. Aber hier wird es auch für den Leser schier unerträglich, dass Augustinus sozusagen nicht vom Fleck kommt mit seiner Einsicht und Hinwendung zum Glauben. Dies mag heutzutage als dramaturgischer Trick abgetan werden, um die Spannung zu halten. Demgegenüber steht jedoch, dass das gesamte achte Kapitel fast alle „highlights“ des Buches in sich vereint, zumindest was den Glaubensweg des Augustinus angeht. Hätte man also, im Umkehrschluss, darauf gesetzt, einen Spannungsbogen durch eine Reihe von wesentlichen Ereignissen über das Buch verteilt aufzubauen, wäre dies gescheitert durch die ganze Kraft eines Kapitels.

Für mich ist diese Passage eindringlich, da die schiere Unerträglichkeit des Ringens, des „Kampfes“, deutlich wird. Und sie entlädt sich schließlich in einem einzigen Moment, in dem Augustinus im Garten eine wundersame Stimme hört, die ihn zum Lesen auffordert und er in einem Buch zu Johannes liest, welchen Schritt er zu gehen hat, um sich der Sünden zu entledigen. Dies ändert alles — seinen Glauben, sein Leben, seine Zukunft und seinen Beruf, wobei dies natürlich nicht alles auf einmal passiert. Denn Augustinus ringt weiter, das zeigt der Text. Trotzdem ist dieser eine große Moment, auch das liest sich im Buch sehr schön, durchaus „nur“ der Höhepunkt einer Aneinanderreihung von kleinen Ereignissen und Erkenntnissen, die ihn immer weiterbringen, bis er schließlich all seinen inneren Widerstand aufgibt und gleichsam von Gott gefunden wird. Diese Richtung, dass also der Suchende schließlich weniger selbst findet als vielmehr gefunden wird, ist beachtlich und bewegend und unterstreicht das Wechselspiel zwischen der Aktivität des Individuums und der Tatsache, wonach nur das Aufgeben letztlich, die Müdigkeit und Kraftlosigkeit nach allem Kampf, die Erlösung bringt.

Das Buch endet nach dem 13. Kapitel. Das ist auch der Tatsache geschuldet, dass Augustinus es schrieb, als er gerade seine bischöfliche Tätigkeit aufgenommen hatte. Es sollten noch viele Werke im Laufe eines langen Lebens als Kirchenmann folgen. Er hatte diesen „Posten“ nicht gewollt, oder zumindest nicht angestrebt, nach allem, was mir bekannt ist. Man könnte auch sagen, er hat ihn nicht gesucht. Manche meinen, dass Augustinus auch danach immer ein Suchender geblieben sei. Ich kann dies auf Basis dieses einen Werkes nicht beurteilen. Schließlich ist jeder Bruch oder Wandel im Leben eines Menschen meist der Definition Außenstehender geschuldet. Vielleicht gab es später noch „Brüche“ und ein weiteres Suchen, von dem niemand mehr Kenntnis nahm, da er äußerlich an seinem Leben und seiner Wirkungsstätte nichts änderte. Vielleicht hat er aber auch wirklich gefunden. Ich weiß nicht, ob Letzteres erstrebenswert oder gar möglich ist. Manchmal, das muss ich zugeben, wünsche ich es mir jedoch.

*Mit herzlichem Dank an MD, deren Hinweis mich zur Lektüre dieses Buches gebracht hat.

Reflection Questions

1) If you were to write a book about your personal faith — what would be the title?

2) Can you understand how a scholar/scientist can call his former teachings lies?

3) Who is/was your most important teacher in life?

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Silke Schmidt

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